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MÜNCHEN

Review: MÜNCHEN                                English Review

Regie: Steven Spielberg
Drehbuch: Tony Kushner, Eric Roth basierend auf dem Buch „Vengeance“ von George Jonas
Darsteller: Eric Bana, Daniel Craig, Geoffrey Rush, Mathieu Kassovitz, Hanns Zischler, Ciaran Hinds
Produktion: Steven Spielberg

Kamera: Janusz Kaminski, ASC        

Schnitt: Michael Kahn, ACE                                

Musik: John Williams

Laufzeit: 164 min.

Dt. Start: 26.01.06

Verleih: UIP



 

"MÜNCHEN ist ein Spiegel. Man sieht das Jahr 1972 mit den Augen von 2006!" - GreekGeek

 

Inhalt: 1972, die Olympischen Spiele verzaubern München. Die Welt schwimmt auf einer Welle der Begeisterung. Nicht ganz, denn Mitglieder der palästinensischen Terrororganisation „Schwarzer September" nehmen elf israelische Sportler als Geiseln und fordern die Freilassung von 200 in Israel inhaftierten Palästinensern. Beim Befreiungsversuch sterben alle Athleten sowie fünf der Terroristen. Die Reaktion der Israelis lässt nicht lange auf sich warten: die Exekution aller an dem Massaker beteiligten Palästinenser. Noch während die Aktion auf Hochtouren läuft, stellt der beauftragte Mossad- Agent (Eric Bana) ihren Sinn mehr und mehr in Frage. Nach welchen Kriterien wurden die Ziele ausgewählt? Gehören sie auf die Todesliste, obwohl sie gar nicht am Attentat beteiligt waren? Das Unternehmen steht am Scheidepunkt.

 

 

Review: 1972. Das Attentat in München gehört zu einer meiner frühesten Erinnerungen. Seitdem ich denken kann, sind die Erzählungen meiner Mutter in meinem Kopf. Sie war gerade erst nach Deutschland gezogen und konnte kein Wort Deutsch. Sie sah alles in den Nachrichten und nahm die Tragödie nur visuell wahr. Olympia ist wichtig für die Greeks. Das Attentat war ein Angriff auf alles was einen Griechen ausmacht – Freiheit, Demokratie und den Olympischen Geist! Wieder einmal, in der langen Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Griechen und aller Arten von Muslimen, wurde alles niedergetreten was für die eine Seite wichtig ist. Diesmal, mal wieder, inklusive dem Leben Unschuldiger.

 

Die Bilder aus München haben sich jahrelang in mir eingebrannt. Wenn ich an das „Böse“ in dieser Welt denke, kommen automatisch die Bilder aus München hoch. Ein Monat vor meiner Geburt ging es los – und ein Ende ist nicht in Sicht.

Ausgerechnet mein favorisierter Lieblingsregisseur Steven Spielberg nahm sich nun diesem Thema an und erzählt es weiter.

Ich möchte jetzt nicht alles auffahren was zu den Hintergründen der Geschehnisse gehört, will nicht die Frage aufkommen lassen wieso die deutsche Regierung damals versagt hatte und später, noch drei gefasste MÖRDER frei, und sie als Helden in ihre Heimat fliegen ließ…

 

Es geht nur um den Film als solchen. Das das nicht so einfach zu umgehen ist, wird auch weiter unten zu erkennen sein. Jeder wird mit seiner Voreinstellung zu dem ganzen "Nahost- Thema" in diesen Film gehen. Und jeder wird auch seine Version des Films sehen.

Von allen Seiten wird dem Film etwas vorgeworfen. Manche finden den Film zu Palästinenser-freundlich, andere finden den Film "Pro-Israel". Viele regen sich auf, dass Spielberg den Terroristen ein menschliches Gesicht gibt. Ja, er zeigt ,dass sie nicht weiterwissen, dass sie ängstlich reagieren, aber das ändert (auch im Film) nichts daran dass sie MÖRDER sind. Sie töten unschuldige Athleten während einer friedlichen Veranstaltung. Ob ein Mörder nun einen Grund für seine Tat hat oder nicht – er bleibt ein kaltblütiger Mörder.

Daran wird im Verlauf der Handlung auch nicht gerüttelt, wie mache „Möchtegern-Historisch-Kritiker“ hinein interpretieren möchten.

Es wird nur parallelisiert: wie fühlt man sich als Auftragskiller? Es wird oft von den Protagonisten betont (viel mehr: hinterfragt) dass sie etwas gesetzwidriges tun. Es wird auch an der Ideologie des Volkes Israels gezweifelt, die sich durch solche heimtückischen Angriffe der letzten Jahre verändert hat. Es gibt eine Einstellung im Film in der Avner (Eric Bana) auf dem Balkon des Olympic Hotels in Zypern steht. Es wird gerade die Tötung eines der Drahtzieher vorbereitet und er steht auf dem Balkon und Spielberg filmt ihn von außen. Die Einstellung ist exakt wie die „berühmte“ Einstellung des maskierten Terroristen auf dem Balkon im Olympischen Dorf in München, die 1972 die Zeitungen auf der ganzen Welt „schmückte“.

Zufall? Fehlinterpretation meinerseits?

Ich glaube kaum dass, besonders in diesem Film, irgendetwas dem Zufall überlassen wurde. Noch eine Interpretation meinerseits: wenn die Terroristen im Olympischen Dorf über die Mauer klettern wollen um zu den Israelischen Athleten zu gelangen, helfen ihnen ein paar andere Sportler, die davon ausgehen, dass die Terroristen Kollegen sind und ihre Schlüssel verloren haben. Diese Sportler sind US-Amerikaner.

Zufall? Fehlinterpretation meinerseits?

Wie ich bereits sagte, sieht jeder diesen Film mit eigenen Voreinstellungen. Und das ist auch gut so. Spielberg bietet keine Antworten auf dieses Problem. Er hält uns einen Spiegel vor. Er erzählt die Handlung und wir setzten die Punkte in der die Geschehnisse sich entblättern und die Wendungen einnehmen die sie einnehmen sollen.

 

MÜNCHEN ist ein dreckiger, ehrlicher 70er Jahre Thriller. Janusz Kaminskis Kamera Arbeit ist eine seiner besten. Viele spezielle Aufnahmeverfahren aus dem 70er Jahrzehnt werden hier aufgefahren und erzählen die Geschichte. Sie werden nie zum Gimmick. Spielberg dreht seinen 70er Jahre Film, den er uns in den 70ern nicht gegeben hat. In 30 bis 40 Jahren wird kaum jemand (soweit er nicht weiß dass der Film 2005 gedreht wurde) den Film, von Coppolas THE CONVERSATION und Scorseses MEAN STREETS, unterscheiden können. Man könnte nicht mal sagen dass MÜNCHEN der europäischste Spielberg Film ist, da er seit Anfang 2000 nur noch Filme macht, die man nicht unbedingt als Hollywood Filme kennzeichnen kann. Spielberg macht Spielberg Filme. Die bestehen aus Hollywood Manierismen genauso wie aus französischen Momenten. Seine „Mann-auf-der-Flucht“ Trilogie (A.I., MINORITY REPORT und CATCH ME IF YOU CAN) besteht aus vielen Truffaut Momenten: CATCH ME IF YOU CAN ist sehr oft SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN von Truffaut und MINORITY REPORT hatte viele Grundzüge von FAHRENHEIT 451. Truffaut selbst spielte ja bekanntermaßen in Spielbergs CLOSE ENCOUNTERS OF THE THIRD KIND und Darsteller aus Truffaut Filmen (Nathalie Baye aus Truffauts THE GREEN ROOM taucht in CATCH ME IF YOU CAN auf und jüngst Michael Lonsdale aus THE BRIDE WORE BLACK und BAISERS VOLES in MÜNCHEN) gehören zu den Akteuren der aktuelleren Spielberg Filmen. Also sollte man den Spielberg der 2000er eher im europäischen Kino suchen. Nicht nur weil er das Europa der 70er Jahre absolut perfekt nachgestellt hat. MÜNCHEN wurde zwar zu großen Teilen auf Malta gedreht, doch sehen Zypern, Athen, Amsterdam, London und Paris wie die Städte aus, die sie in den 70ern auch waren. Sogar ein wenig Hitchcock taucht in den vielen Suspense Szenen des Films auf. Allen voran erinnert der Film an Hitchcocks TOPAZ, da TOPAZ auch im Agenten/Terroristen Milieu spielt.

Die exzellente Besetzung des Films fügt dem Gesamtbild noch einiges hinzu. Eric Bana zeigt einmal mehr wie vielschichtig er sein kann und Daniel Craig beweist, dass die Bond Produzenten einen gefährlichen, skrupellosen 007 engagiert haben. Jede einzelne Nebenfigur ist perfekt besetzt, allen voran der großartige Geoffrey Rush, der (imho) seine Rolle so anlegt wie sie vielleicht Peter Sellers gespielt hätte (liegt vielleicht auch an seiner Performance in LIFE AND DEATH OF PETER SELLERS).

John Williams Musik ist wie die Musik die Williams selbst in den 70ern komponierte. Es gibt Momente im Film die so perfekt „durchkomponiert“ sind (als Bilder), dass gar nicht auffällt dass es keine Musikalische Untermalung gibt.

 

MÜNCHEN ist einer der wichtigsten Filme der letzten 10 Jahre. Es wird viel diskutiert werden, weltweit. Jeder natürlich mit seiner eigenen Voreinstellung. Das letzte Bild des Films bringt das ganze auf den Punkt: Es sieht nicht so aus als ob das ganze je ein Ende haben wird. Und dort sieht man dass Spielberg einen Film gedreht hat, der das Wissen aus unserer Zeit nutzt um eine Geschichte aus einer (anscheinend) längst vergangenen, aktuellen, Epoche zu erzählen.

greekgeek 2006

 

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