Netleih - Die Online-Videothek für Clevere




      

GEGEN DIE WAND

GEGEN DIE WAND (2004)

Regie: Fatih Akin

Drehbuch: Fatih Akin

Darsteller: Birol Ünel, Sibel Kekilli, Catrin Striebeck, Meltem Cumbul, Zarah McKenzie

Kamera: Rainer Klausmann

Schnitt: Andrew Bird

Musik: Alexander Hacke, Maceo Parker
Laufzeit: 121 min.


Anmerk. GreekGeek: folgendes ist eine wissenschaftliche Filmanalyse. Sie wurde im Rahmen einer Universitäts-Arbeit erstellt!

Filmanalyse:

I. DIE MENSCHENDARSTELLUNG IM FILM „GEGEN DIE WAND“

„Ich glaube, die Liebe hat eine helle und eine dunkle Seite. Und die dunkle Seite der Liebe kann uns sehr zerstörerisch machen […] Liebe ist einfach eine Kraft, die dir entgegenkommt, und um diese Kraft geht es in diesem Film. Und deshalb ist es ein Liebesfilm.“ (Akin in Malchow (Hg.) 2004: 235).

Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ (2003/04) erzählt die Geschichte zweier in Hamburg-Altona lebender Deutsch-Türken: Cahit (Birol Ünel) ist ein lebensmüder Alkoholiker Anfang vierzig, der sein Auto in voller Fahrt „gegen die Wand“ fährt und sich so einen Freifahrtschein in die stationäre Psychiatrie einhandelt. In dieser Klinik trifft er auf die junge Sibel (Sibel Kekilli), die sich die Pulsadern aufgeschnitten hat, um sich von ihrem traditionsverhafteten Elternhaus - über das sie mit diesem Suizidversuch Schande gebracht hat - zu lösen. Stattdessen hat Sibel nun aber die Idee, Cahit zum Schein zu heiraten, damit sie dann ihre Freiheit bekäme, zu tun und zu lassen, was sie möchte. Cahit willigt nur sehr zögernd ein, aber schließlich heiraten sie und sie zieht in seine runtergekommene Wohnung ein. Die Zweckgemeinschaft geht eine Weile gut, Sibel hat One-night-stands, Cahit eine Affäre mit der Friseurin Maren (Catrin Striebeck). Als er sich schließlich in Sibel verliebt, erschlägt Cahit im Affekt einen Liebhaber Sibels und landet im Gefängnis. Sibel wird daraufhin von ihrer Familie endgültig verstoßen und flieht zu ihrer Cousine Selma nach Istanbul, um dort auf Cahit zu warten. Sibel vereinsamt dort jedoch und rutscht durch Drogen und Partys immer tiefer ab. Als Cahit nach seiner Entlassung nach Sibel sucht, muss er jedoch erfahren, dass sie nun einen Freund und eine Tochter hat. Nach einem Wiedersehen entschließt sich Sibel Cahit alleine ziehen zu lassen. Dieser will in seiner Geburtsstadt einen Neuanfang starten.

„Gegen die Wand“ wurde 2004 überraschend mit dem Goldenen Bären der Berliner Filmfestspiele ausgezeichnet.

Neben der Sensation, dass nach 18 Jahren endlich wieder ein deutscher Film den Titel nach Hause trug
(vgl. Nicodemus in Malchow 2004: 221), stand jedoch vor allem die Tatsache, dass der in Deutschland aufgewachsene Türke Akin (Buch und Regie) mit einer „auf alle Political Correctness pfeifenden Frechheit […] das deutschtürkische Milieu von Hamburg-Altona schildert“
(Nicodemus in Malchow 2004: 221) und mit seiner Thematik über den Film weit hinaus die Mediendebatte über Integrationspolitik und die Aufnahme der Türkei in die Europäische Union angefacht und in die Öffentlichkeit getragen hat, wobei Akin zu einer Art „Vorzeigetürke“ – für das deutsch-türkische Kino, aber auch auf politischer Ebene - gemacht wurde (vgl. Lau in Malchow (Hg.) 2004: 227-229; Akin in Malchow (Hg.): 241).
Dass Fatih Akins Film vor allem von der Entwicklung der Charaktere lebt, soll im Mittelpunkt dieser Analyse stehen, um zu zeigen, dass die Protagonisten weit mehr als nur als Vertreter ihrer ethnischen Gruppe zu verstehen sind, da zwar konkret die Probleme einer jungen Deutsch-Türkin dargestellt werden, aber dennoch vor allem die Liebesgeschichte im Vordergrund steht und somit eine Universalität über Kulturgrenzen hinaus erreicht wird. Nach einem Überblick der Handlung im Sequenzprotokoll und einer Untersuchung von Handlungsablauf und -darstellung soll ein genauerer Blick auf die Protagonisten Aufschluss über ihre Intentionen geben. Ein kurzer Exkurs in die junge Geschichte des Migrantenkinos in Deutschland soll die Entwicklung anhand dieses Filmes deutlich machen, um im Fazit ein Urteil bezüglich der hier gewonnenen Ergebnisse folgen lassen zu können.

II. ART DER MENSCHENDARSTELLUNG IM FILM

II. a) INHALT UND FORMALER AUFBAU

Die Laufzeit des Films beträgt laut der mir vorliegenden DVD-Fassung ca. 116 Minuten. Diese lassen sich in zwanzig Handlungseinheiten unterteilen, um den Ablauf und die Zeitstruktur verfolgen zu können:

SEQUENZ 1: Vorspann (0`00-5’47)
1. (0`00): Förderung des Films, Titel. 2. (0’26): Totale, Tag, Postkartenatmosphäre: Ein siebenköpfiges türkisches Ensemble (sechs Männer mit Instrumenten, eine Sängerin in der Mitte) spielt vor der Kulisse Istanbuls am Ufer des Bosporus. Lied: „Saniye’m“; handelt von der unerwiderten Liebe eines Mannes an seine Geliebte Saniye. 3. (1’48): Low-key, in der „Fabrik“ (Veranstaltungszentrum in Hamburg-Altona): Einführung Cahit. Arbeitet dort als „Glaseinsammler“ zusammen mit seinem Freund Seref. Cahit trinkt Reste des Alkohols aus den gesammelten Gläsern und Flaschen; macht auch äußerlich einen ungepflegten, runtergekommenen Eindruck. 4. (2’51): etwas später, Nacht: Cahit fährt in die Bar „Zoe“. Ist betrunken, trifft auf seine Affäre Maren. Beleidigt sie und schickt sie weg; fängt Prügelei mit Gast an. Wird rausgeworfen. 5. (4’34): Nacht, low-key: Cahit im Auto fährt durch Hamburgs Straßen. Dazu Musik von Depeche Mode und Schnitte ohne Einstellungswechsel. Dann harter Schnitt. Kreuzung. Cahit lenkt sein Auto „gegen die Wand“ (Kamera von oben). Langsame Abblende.

SEQUENZ 2: Aufeinandertreffen (5’48-12’21)
1. (5’48): im Krankenhaus (stationäre Psychiatrie): aus Cahits Perspektive: Detailaufnahme von verbundenen Handgelenken einer Frau (Einführung Sibel). Sie lächelt ihn an; er trägt Halskrause. Geht ins Arztzimmer. 2. (6’35): im Sprechzimmer, Tag: Psychologe geht von Selbstmordversuch Cahits aus. Cahit blockt ab, will nicht reden. 3. (8’30): Nach dem Gespräch: Sibel rennt ihm hinterher, will ihn heiraten (fragt in einem lustigen Ton). Er reagiert mit Beleidigungen („Verpiss dich!“) und geht weg. Sie gibt Hoffnung nicht auf. 4. (9’00): Krankenhauskantine: Cahit beobachtet aus der Entfernung, wie Sibel von ihrer Familie wegen des Suizidversuchs Vorwürfe gemacht werden (v. a. Vater und Bruder - sprechen von Schande). 5. (11’17): draußen, Tag, im Klinkpark: Sibel und Cahit treffen sich im Park. Cahit gibt ihr Tipps für den nächsten Suizidversuch, blickt dabei immer stur geradeaus und blockt normale Unterhaltung ab. Sie ist freundlich, verspricht ihm um Mitternacht ein Bier.

SEQUENZ 3: Der Ausbruch (12’22-16’33)
1. (12’22): Mitternacht: Sibel und Cahit verlassen Klinik und gehen in Bar. Dort kippt die Stimmung, da Cahit sich weiterhin weigert, Sibel zu heiraten. Diese will dadurch aber die Freiheit haben, zu tun und zu lassen, was sie will. Als er verneint, schlägt sie plötzlich eine Flasche kaputt und ritzt sich die Pulsadern auf. Cahit verbindet sie sofort. Hinter der verrückten und lustig klingenden Frage Sibels steckt bittere Verzweiflung. 2. (14’08): Busfahrt, auf dem Weg zurück in die Klinik: sie weint, er schreit sie an, es sei kein Kinderspiel. Bezeichnet sich selbst als Penner. Sibel ist das egal, sie will die Ehe als Wohngemeinschaft und Alibi. Plötzlich hält der Bus und der türkische Busfahrer, der zugehört hat, schmeißt sie beide raus. 3. (14’48): wieder das Ensemble vor der Kulisse Istanbuls, diesmal nur Instrumental.

SEQUENZ 4: Der Antrag (16’34-25’33)
1. (16’34): Tag, nach der Entlassung aus der psychiatrischen Abteilung: Cahit auf dem Weg in seine Wohnung. Dort angekommen, trinkt er in seiner „Bude“ erst einmal ein Bier, dann öffnet er einen Koffer, u. a. mit Fotos einer jungen Frau und einem Anzug. Probiert aus, ob er passt. 2. (17’54): in der „Fabrik“: Cahit erzählt Seref von der Idee, Sibel zu heiraten. Dieser ist überhaupt nicht begeistert, gibt aber Segen. Cahit bittet ihn um eine Kleinigkeit. 3. (19’10): Tag, im Wohnzimmer sitzen auf der Couch Sibels Eltern. Reden über Heiratspläne der Tochter, sind nicht begeistert. Sie sitzen entfernt voneinander, Vater gibt Mutter die Schuld am Freiheitswillen der Tochter. 4. (19’52): Tag: Cahit und Seref beim Barbier. 5. (20’33): draußen, Plattenbausiedlung: Cahit und Seref auf dem Weg zu Sibels Eltern. 6. (21’11): Wohnzimmer von Sibels Eltern: bis auf Sibel alle auf dem Sofa. Seref spielt Cahits Onkel, der der Tradition nach um die Hand der Tochter anhalten muss. Cahit bezeichnet sich als Manager der „Fabrik“. Sibels Bruder bemerkt sein schlechtes Türkisch. Trotzdem gibt Vater zusage, da Sibel ihn heiraten will.

SEQUENZ 5: Standesamt (25’34-29’18)
1. (25’34): Tag: Cahit liegt nackt auf seinem Sofa. Sibel klingelt ihn gutgelaunt hoch. Sieht die verdreckte Wohnung und überreicht ihm eine Schatulle (Ehering). 2. (27’23): Tag: Sibel holt ihre Cousine Selma aus Istanbul vom Flughafen ab. 3. (27’56): Tag: Cahit im Anzug mit Bierdose tritt aus Wohnung. Vorm Standesamt angekommen, trägt er stattdessen Blumenbuket. Er begrüßt die wartende Hochzeitsgesellschaft. 4. (28’45) im Standesamt. Vom Beamten erfährt Sibel beiläufig, dass Cahit verwitwet ist. Nach Trauung blockt er ab, darüber zu sprechen.

SEQUENZ 6: Türkische Hochzeit (29’19-35’59)
1. (29’19): Beginn der Feier (Schwenk durch den Saal, Hochzeitsfilmer, viele Gäste an den Tischen und leere Tanzfläche an werden gezeigt): Cahit will zuerst den Ehrentanz verweigern, mit Serefs Hilfe kann Sibel ihn überzeugen. 2. (30'33): Sibels Bruder bringt die beiden in einen separaten Raum, wo sie Essen können. Stattdessen ziehen sie eine 'Line' Kokain. 3. (31'12): Zurück auf dem Saal: Sibel und Cahit feiern und tanzen nun ausgelassen. 4. (31'47): Ankunft des Paares in ihrer Wohnung. Cahit trägt die lachende Sibel über die Schwelle; als Sibel nach Namen seiner toten Frau fragt, schlägt seine Stimmung abrupt in aggressive Wut um und er wirft sie raus. 5. (32'44): Sibel landet (noch im Hochzeitskleid) am Tresen einer Bar und nutzt ihre neu gewonnene Freiheit aus, indem sie mit dem Barkeeper nach Hause geht. 6. (34'05): nächster Tag: Sibel im Kleid klingelt bei Cahit, sie versöhnen sich ohne Worte. 7. (35'20): Sibel bringt Selma zum Flughafen, diese lädt sie nach Istanbul ein (hält Cahit für Penner und Hochzeit für keine gute Alternative). Abblende langsam.

SEQUENZ 7: Wohngemeinschaft (36’00-42’59)
1. (36'00): Aufblende, langsame Kamerafahrt durch Innenraum: subjektive Kamera von Cahit, dessen Wohnung von Sibel aufgeräumt und „dekoriert“ wurde. Außerdem schneidet Sibel ihm die Haare. 2. (37'19): Abend/Nacht im „Zoe“: Cahit trifft sich mit seiner Affäre Maren; sie koksen und schlafen miteinander. 3. (39'26): Tag: Sibel stellt sich in Marens Frisiersalon vor (Job wurde von Cahit vermittelt). 4. (40'28): in ihrer Wohnung, Abend: Sibel hat Bauchnabelpiercing, ist stark geschminkt und tanzt mit Cahit durch die Wohnung. 5. (41'40): Abend/Nacht, Tanzfläche in einer Bar/Disco: Sibel tanzt ausgelassen, Cahit beobachtet sie. Sibel geht mit fremden Typen nach Hause.

SEQUENZ 8: Cahit liebt Sibel (43’00-48’46)
1. (43'00): noch Nacht, in der Wohnung: Cahit scheint eifersüchtig; wartet auf Sibels Rückkehr, macht erst Unordnung, räumt dann aber doch wieder auf. 2. (44'33): nächster Morgen: Cahit wacht auf, hat auf Sibels Bett geschlafen, riecht an ihrer Kleidung. 3. (45'12): wieder das Ensemble vor der Kulisse Istanbuls, wieder Instrumental. 4. (45'57): sechs Monate später, Tag, im Auto: Sibel und Cahit auf dem Weg zu Sibels Verwandten. Sie hat einen neuen roten BMW. Sibel wuselt ihm durch die Haare, sie wirken vertraut. 5. (46'22): bei Verwandten: Cahit in der Männerrunde, fragt sie, warum sie ihren Frauen nicht treu sein würden. Männer reagieren sehr gereizt. 6. (48'17): Sibel in der Frauenrunde.

SEQUENZ 9: Eifersucht (48’47-55’55)
1. (48'47): draußen, Abend: Sibels Bruder stellt fest, dass Cahit Sibel liebt, da Cahit über seinen Job gelogen hat. Cahit bejaht. 2. (49'37): etwas später, Bar „Zoe“: Sibel und Cahit betrunken. Sibel geht mit dem Barkeeper Nico nach Hause. 3. (50'39): Cahit nimmt Maren mit nach Hause. Sie stellt fest, dass es ihm gut geht. 4. (51'33): Sibel kocht für Cahit, sie spricht von Scheidung, er von Kindern: Er verlässt die Wohnung. Sibel geht alleine weg. 5. (54'25): Cahit im „Zoe“: beichtet Maren, dass Sibel seine Frau ist; geht dann.

SEQUENZ 10: Annäherung (55’56-61’00)
1. (55'56): „Taksim-Club“: Cahit geht zu Sibel. Die wird belästigt, er sagt, er sei ihr Mann und wird verprügelt. 2. (58'01): draußen: Sibel verarztet Cahits Wunden. 3. (59'06): beide in Wohnung; Cahit folgt Sibel in ihr Bett, sie küssen sich, sie kann aber nicht mit ihm schlafen.

SEQUENZ 11: Sibel liebt Cahit (61’01-65’45)
1. (61'01): „Fabrik“; Cahit erzählt Seref, dass er Sibel liebt. Marens Stimme aus Off erzählt von seiner toten Frau. 2. (62'52): in Marens Salon, Tag: Maren redet weiter, fragt, ob Sibel Cahit liebt. Erzählt ihr von der Affäre. Sibel verlässt den Salon; trifft draußen dann auf Nico, schreit ihn an und geht weg. Nico erfährt von Maren, dass Sibel mit Cahit verheiratet ist. 3. (64'49): Sibel auf dem Jahrmarkt. Sie kauft ein Lebkuchenherz mit „Ich liebe dich“, legt es später auf Cahits Kissen.

SEQUENZ 12: Eskalation (65’46-73’32)
1. (65'46): Bar „Zoe“: Cahit sitzt am Tresen; Nico provoziert ihn, beschimpft Sibel. Cahit dreht durch und (er)schlägt Nico. Als er sich selbst überrascht über Nico beugt, tritt Sibel ein. 2. (66'58): Sibel in der Wohnung, legt Musik ein. Schneidet sich die Pulsadern auf, verbindet Handgelenke aber sofort wieder und schlägt sich. Lässt Wunden im Krankenhaus nähen. 3. (68'42): „Mopo“-Titelblatt berichtet über den Totschlag. Sibels Bruder fährt zu seinen Eltern; dort werden Sibels Fotos verbrannt. 4. (69'46): Sibels Bruder lauert ihr vor Wohnung auf, Sie entkommt ihm. 5. (70'18): Musik jetzt erst aus. Sibel ist zu Seref geflüchtet; er rät ihr nach Istanbul zu fliehen; Sie übernachtet bei ihm; als sie weint, singt er für sie ein Lied. 6. (73'05): Sibel verabschiedet sich von ihrer Mutter.

SEQUENZ 13: Abschied und Ankunft (73’33-78’15)
1. (73'33): im Gefängnis: Sibel verabschiedet sich von Cahit, sagt, sie warte auf ihn. 2. (75'00): Ensemble vor Kulisse von Istanbul; Instrumental. 3. (75'31): Ankunft Sibels am Flughafen von Istanbul; Selma holt sie ab. 4. (76'42): Sibel arbeitet als Zimmermädchen im gleichen Hotel wie Selma. 5. (77'20): Istanbul bei Nacht; Selma und Sibel.

SEQUENZ 14: Istanbul (78’16-84’12)
1. (78'16): Nacht; Sibel geht alleine durch die Straßen. 2. (78'26): Tag; Sibel schaut auf Eurosport einer türkischen Gewichtheberin (ebenfalls Sibel) beim Stemmen zu und feuert sie an. 3. (78'50): eintöniger Tagesablauf Sibels wird gezeigt; nach Feierabend schlägt sie dann jedoch anderen Weg ein. 4. (79'57): Sibel spricht im Imbiss zwei Fremde an, will Drogen kaufen. 5. (80'58): Sibel kommt erst am nächsten Tag nach Hause. 6. (81'17): Sibels Stimme aus dem Off: sie schreibt Brief an Cahit (ihr geht es schlecht, ist einsam); Tagesablauf wird gezeigt, dann geht sie in einen Club; trifft dort Mann, der sie mitnimmt; Opiumrausch; er bietet ihr an, für ihn zu arbeiten und bei ihm zu wohnen.

SEQUENZ 15: Absturz (84’13-89’43)
1. (84'13): Sibel zieht bei Selma aus. 2: (84'38): Sibel völlig betrunken und vermutlich unter Drogen; wird ohnmächtig. Überblendung; Sibel immer noch bewusstlos, Laden leer, bis auf Besitzer, dieser missbraucht sie; schmeißt sie dann raus. 3. (86'30): Sibel auf der Straße; trifft auf drei Typen, die ihr zurufen. Sie lässt sich provozieren, schreit sie an. Wird fast Tod geprügelt, einer sticht mit Messer zu. ein Taxi hält; Fahrer steigt aus, sieht sie. 4. (89'21): Ensemble vor Istanbul, Instrumental.

SEQUENZ 16: Entlassung (89’44-95’06)
1. (89'44): (Zeitsprung); Hamburg, Gefängnis; Tag: Cahit wird entlassen, Seref holt ihn ab. 2. (90'09): Seref und Cahit im Döner-Imbiss; Cahits Plan: Sibel suchen, da er ohne sie nicht mehr am Leben sein würde; Seref gibt ihm Geld für Flug. 3. (92’16): Cahit versucht von Sibels Bruder zu erfahren, wo Sibel ist. Dieser sagt, er habe keine Schwester. 4. (93'06): Cahit vor Marens Laden, geht aber nicht rein. 5. (93'28): Cahit im Taxi in Istanbul. Fahrer stammt aus München; bringt ihn zu einem Hotel. 6. (94'42): Cahit im Hotel angekommen.

SEQUENZ 17: Suche nach Sibel (95’07-102’02)
1. (95'07): Cahit im Hotel „Maramar“, in dem Selma arbeitet; langes Gespräch (wenig Schnitte, lange Einstellungen) mit Selma über Sibel, die inzwischen einen Freund und ein Kind hat; sie möchte ihm nicht sagen, wo sie ist. 2. (100'17): Cahit erwacht aus Albtraum (Kontrast zur vorherigen Szene: extrem kurze Einstellungen); Sibel ruft ihn an, legt aber wieder auf. 3. (101'23): mehrere Überblendungen; zeigen Cahit beim Warten (Zeit vergeht); er spielt Klavier.

SEQUENZ 18: Wiedersehen (102’03-104’46)
1. (102'03): Cahit noch am Klavier. Sibel ruft endlich an. 2. (102'16): Sibel schaut aus dem Fenster. Bespricht mit Selma, dass sie auf ihre Tochter aufpassen soll. Ihr Freund ist zwei Tage unterwegs und so lange möchte sie zu Cahit. Selma hat Angst, Sibel könnte nicht wiederkommen. Sibel scheint es auch nicht zu wissen. 3. (103'21): Sibel und Cahit in seinem Hotel. Sie schlafen miteinander.

SEQUENZ 19: Der Plan (104’47-107’49)
1. (104'47): auf dem Balkon des Hotels: Cahit möchte mit Sibel und ihrer Tochter weggehen (in seine Heimatstadt Mersin). Sie verbringen gemeinsam die Nacht. 2. (105'52): nächster Tag: Sibel ruft Selma an, möchte mit ihrer Tochter Pamuk sprechen. Sie bleibt noch eine Nacht. 3. (107'12): nächster Tag: Sibel sagt zu, ihn zu begleiten; sie wollen sich um 12.00h am Busbahnhof treffen.

SEQUENZ 20: Trennung (107’50-116’42)
1. (107'50): Sibel packt ihre Koffer; aus dem Off Stimmen von Pamuk und vermutlich ihres Freundes. 2. (108'41): Cahit in einem Café (Treffpunkt am Busbahnhof); er wartet. 3. (109'05): Cahit im Bus; Sibel ist nicht gekommen; der Bus fährt (bei Sonnenuntergang) ab. 4. (110'27): Ensemble vor Istanbul (Dämmerung): spielt ein Lied über verlorene Liebe. 5. (116'32): Abspann.

Fatih Akin hat – einer griechischen Tragödie ähnelnd – die Handlung durch sechs eingeschobene Szenen gegliedert, in denen eine traditionelle Roma-Band (Selim Sesler und Orchester, die Schauspielerin Idil Üner als Sängerin) vor der Kulisse Istanbuls am Ufer des Bosporus spielt (siehe Sequenzgrafik im Anhang).

Die Musik markiert sowohl Anfang und Ende des Films, wobei der Text der Lieder über unerwiderte Liebe direkten Bezug zum Film nimmt. Der zweite Einschub (Sequenz 3, Subsequenz 4) des Ensembles markiert die vergangene Zeit zwischen dem Ausbruch Cahits und Sibels aus der geschlossenen Abteilung und Cahits Entscheidung, Sibel nun doch zu heiraten (dementsprechend handelt das Lied von Hochzeitsplänen). Der dritte Auftritt dient ebenfalls als Verknüpfung und Zeitsprung zwischen den frisch Verheirateten und sechs Monate später. Der vierte (Sequenz 13, Subsequenz 2) und fünfte Auftritt (Sequenz 15, Subsequenz 4) der Roma-Band markiert Sibels Aufenthalt in Istanbul während des Gefängnisaufenthalts von Cahit (der nicht gezeigt wird), wobei der fünfte Auftritt auch die Entlassung Cahits markiert und so einen Wechsel der handelnden Person einleitet und wiederum ein Zeitsprung stattgefunden hat. Mit dem vierten Auftritt der Band wird außerdem der Handlungsort Hamburg von Istanbul abgelöst, wobei Hamburg noch einmal kurz während Cahits Freilassung gezeigt wird. Man bekommt dadurch den Eindruck, dass die Erzählung in zwei Hauptteile gegliedert ist. Anhand der Zeitsprünge kann man schon sehen, dass der Film ohne Rückblenden auskommt und chronologisch aufgebaut ist. Informationen über die Vergangenheit hauptsächlich Cahits, werden durch die Figuren übermittelt. So ist der Zuschauer nicht eher als der Protagonist über ein Thema informiert, wodurch Spannung und Überraschung erzeugt wird. So kann man zu Beginn des Films Cahits lebensmüde Einstellung nicht verstehen, was sich erst ändert, als Sibel vom Standesbeamten erfährt, dass Cahit verwitwet ist. Aus diesem Grund ist auch die Erzählperspektive nicht streng auktorial, sondern sie nähert sich der Perspektive eines der Protagonisten an. So gibt es nur zwei Szenen, in denen nur Sibels Familie auftritt, ansonsten (mit Ausnahme der Roma-Musiker vor Istanbul) ist wenigstens einer der beiden Protagonisten im Bild. Hauptsächlich wird dabei aus Cahits Perspektive erzählt, so beginnt und endet der Film auch mit ihm. Oft wird auch Sibel aus seiner Perspektive gezeigt, wenn er sie beispielsweise beim Tanzen beobachtet, aber auch, als er bei ihren Eltern um die Hand anhält und er sie auf dem Sofa sitzend in der Küche beim Teekochen beobachtet. Sibel wird - bis auf wenige Ausnahmen - erst ab ungefähr der zweiten Hälfte des Films (ca. 63. Minute, als ihr klar wird, dass sie Cahit liebt) von der Kamera begleitet, vor allem als sie nach Istanbul aufbricht. Dieser Wechsel der Perspektive findet ungefähr am Plot point des Films statt (Sequenz 12, Subsequenz 1), als Cahit Sibels One-night-stand Nico im Affekt erschlägt. Da daraufhin Sibel von ihrer Familie verstoßen wird und nach Istanbul flüchtet, ist hier auch der Punkt, an dem der am Wechsel des Handlungsortes bemerkte zweite Teil der Filmhandlung beginnt. Sichtbar ist dies vor allem aber am Stimmungswechsel im Film - der Moment, in dem der eher komische Teil in ein Drama umschlägt. Bis dahin steht vor allem die Komik (mit bitterem, aber dennoch ironischem Unterton) im Vordergrund, wie man an der Sequenz 4, Subsequenz 6 sehen kann: Cahit und sein Freund Seref - der sich als sein Onkel ausgibt, um bei Sibels Vater um deren Hand anzuhalten - werden von Sibels Familie ins Kreuzverhör genommen, wobei Sibels Mutter die große Ähnlichkeit zwischen Cahit und seinem „Onkel“ betont. Der trockene Humor wird ebenso am Kommentar des Klinikarztes zu Cahits Selbstmordversuch (Sequenz 2, Subsequenz 2) deutlich:

„Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch Ihr Leben! Aber dafür müssen Sie doch nicht sterben! Beenden Sie Ihr Leben hier und gehen weg! Machen Sie was Sinnvolles. Tun Sie was. Gehen Sie nach Afrika. Helfen Sie Menschen.“

Bis zum Wendepunkt gibt es nur kurze Momente, in denen die Dramatik der Geschichte durchscheint, wie der plötzliche Ausbruch Sibels, die sich vor Cahits Augen inmitten einer Kneipe abrupt die Pulsadern mit einer kaputtgeschlagenen Bierflasche aufschneidet, um Cahit zu zeigen, wie verzweifelt sie ist. Dieses Verhältnis von Komödie und Tragödie war von Fatih Akin intendiert:

„Und als drittes, hauptsächliches Element [der Inspiration für den Film – J.H.] kam das türkische Kino […] hinzu. Ich habe immer mehr Zeit in Istanbul verbracht, habe da Leute kennengelernt, habe die Szene, die Musik und das türkische Kino für mich entdeckt. Es gibt dort Meisterwerke, die hier kein Mensch kennt, in denen Tragödie und Komödie ganz eng beieinander liegen. Die Tragödie ist ja viel schmerzvoller, wenn etwas Komödiantisches dabei ist.“ (Akin in Malchow (Hg.) 2004: 233/234).

Es findet aber nicht nur eine Verzahnung von Tragödie und Komödie statt, sondern es findet auch eine Verzahnung zweier Kulturen statt. Auf der sprachlichen Ebene löst Akin das Problem der Bilingualität durch entsprechende Untertitel, so dass häufig in ein und demselben Dialog zwischen Deutsch und Türkisch scheinbar unbewusst gesprungen wird. Das Deutsch von Sibel und vor allem Cahit ist mit einem stark umgangssprachlichen Hamburgerisch durchsetzt. Sibels Cousine Selma (Meltem Cumbal) aus Istanbul spricht hingegen nur Türkisch. Dahingegen scheint Cahits Türkisch sehr schlecht zu sein, da nicht nur Sibels Bruder ihn darauf anspricht (und ihm so indirekt auch vorwirft, seine Wurzeln zu verleugnen), sondern er während seines Gesprächs mit Selma (auf der Suche nach Sibel in Istanbul) ins Englische wechseln muss, da ihm Vokabeln zu fehlen scheinen. Diese Unterschiede zwischen Deutsch-Türkisch und Türkisch-Türkisch, aber auch der Sprachwechsel innerhalb einer Unterhaltung machen klar, dass Deutsch-Türken zwischen zwei Kulturen stehen und vielleicht in der Türkei fremder sind als in Deutschland. Insgesamt ist der Soundtrack mit deutschen, türkischen und englischen Songs sehr multikulturell gehalten, und auch die Stilrichtungen variieren von traditionell über Punkrock zu Hip-Hop.

Wie schon an den Roma-Musik-Szenen beschrieben, ist die Musik eng an die Erzählung geknüpft und oft Teil innerhalb der Handlung (Bildton).
In der zwölften Sequenz („Eskalation“) dient die türkische Musik von Agir Roman (die Sibel selbst in den CD-Player schiebt) als Verknüpfung der Subsequenzen, die Sibels Verzweiflung und die Reaktion ihrer Familie auf den Totschlag an Nico zeigen und diese durch die traurige Melodie zusätzlich mit Emotion auflädt.
Im Gegensatz zu dieser Emotionsaufladung durch die Musik, fehlt die Musik während besonders dramatischer Szenen, so während Sibels Selbstverletzung nach dem Ausbruch aus der Klinik, als Cahit Nico erschlägt und als Sibel nachts in den Straßen von Istanbul fast von drei Männern getötet worden wäre. Damit wird hier die Dramatik erhöht, es gibt keine Musik, die ablenken könnte oder auf die Inszenierung als Szene hindeuten könnte, wodurch die Aufmerksamkeit auf die Handlung selbst die Szene realer und damit grausamer und schockierender erscheinen lässt.

II. b) CAHIT UND SIBEL

Der von Birol Üner dargestellte Cahit Tomruk bricht mit dem Klischee des typischen Türken: gleich Cahits erste Szene steht im Kontrast zur traditionellen Roma-Musik zu Beginn des Vorspanns: in der „Fabrik“ spielt der deutsche Song „Beim ersten Mal“ der Gruppe Abwärts und spielt damit schon auf den Bruch der Tradition an, aber auch auf das Leben zwischen zwei Kulturen. Dass Cahit seine Wurzeln kaum noch zu kennen scheint, sieht man u. a. auch an seinen oben bereits erwähnten Sprachschwierigkeiten in seiner Muttersprache Türkisch und im Gespräch mit dem Psychiater (Sequenz 2, Subsequenz 2), der ihn nach der Bedeutung seines Nachnamens fragt, worauf Cahit ihm keine Antwort geben kann. Eingeführt wird Cahit als ungepflegter Gläsereinsammler, unrasiert und mit langen fettigen Haaren, wobei er sich nicht zu schade ist, die Reste aus den herumstehenden Gläsern und Flaschen auszutrinken. Cahits Gewissen scheint aus seinem Freund und Arbeitskollegen Seref zu bestehen, der ihm nahe legt, von Alkohol doch mal auf Wasser umzusteigen. Cahits Antwort darauf weist schon auf seine schroffe Art hin: „Ich bin doch kein Vieh.“ Dass er überhaupt auf eine Unterhaltung eingeht, zeigt dass Seref vermutlich der Einzige ist, von dem Cahit einen Rat annehmen würde. Bei Maren und am Anfang auch bei Sibel – die er versucht schlichtweg zu ignorieren - macht er sich nicht einmal die Mühe auf Fragen zu antworten – außer mit den Worten „Fick dich“. Dass dem Einzelgänger Cahit die Meinung von Seref wichtig ist, zeigt sich daran, dass dieser von der Idee einer Scheinehe nicht begeistert ist, Cahit sich daraufhin aber alle Mühe gibt, Seref auf seine Seite zu ziehen. Seref wird schließlich auch zum Ersatz für Cahits Vater gemacht, um traditionell bei Sibels Eltern – als Cahits „Onkel“ - um ihre Hand anhalten zu können. Cahits anfangs schroffe, ablehnende Art gegenüber Sibel ändert sich jedoch allmählich: Cahit beobachtet Sibel erst aus der Distanz (in der Kantine des Krankenhauses) und ist schließlich neugierig genug, sich auf einen nächtlichen Ausflug in eine Bar einzulassen. Sibel scheint etwas in ihm zu berühren – vermutlich eine Mischung aus Mitleid, Verständnis und Bewunderung ihres Freiheits- und Lebensdrangs – und schließlich stimmt er der Heirat zu. Dieser Lebenswille steht im Gegensatz zu Cahits Lebensmüdigkeit. Cahits Kampf gegen seine inneren Dämonen wird im Vorspann deutlich, als er betrunken mit seinem Auto durch Hamburgs Nacht fährt, begleitet vom depressiven Sound von Depeche Modes Song „I feel you“. Der extreme low-key unterstützt diese Stimmung zusätzlich. Cahit wird im Profil gezeigt, sein Gesichtsausdruck ist verzerrt und mehrere Schnitte ohne Wechsel der Einstellungsgröße deuten auf seine Qual und Verzweiflung hin. Er scheint durch den Tod seiner Frau ein gebrochener, gleichgültiger Mensch geworden zu sein und bezeichnet sich selbst in einem Gespräch mit Sibel als „Penner“. Diese Charakterzüge spricht Fatih Akin auch dem Darsteller Birol Üner zu, der der Grund war, aus dem Akin statt einer geplanten Komödie eine tragische Richtung eingebracht hat (vgl. Akin in Malchow (Hg.) 2004: 240):

„Ich war total fasziniert von dem Typen, ähnlich wie du fasziniert bist von Typen wie Kurt Cobain, James Dean oder Brando. Typen, die sich selbst zerstören, Typen, die so genial sind, so talentiert, daß ihnen alles andere scheißegal ist.
Und vor allem, der Typ ist Türke, der hat also denselben Background wie ich, er scheißt aber auf die Tradition. Das war eine große Inspiration für den Film.“
(Akin in Malchow (Hg.) 2004: 233).

Ein Anzeichen dafür, dass Cahit jedoch im Laufe des Films eine Wandlung durchläuft, ist sein Gang zum Standesamt: verlässt er in der Sequenz 5, Subsequenz 3 noch mit einer geöffneten Bierdose seine Haustür, zeigt die nächste Einstellung, dass er die Dose unterwegs durch den Brautstrauß ersetzt hat. Diese Änderung wird durch Sibel ausgelöst, die genau das Gegenteil von ihm zu sein scheint: obwohl sich beide aufgrund eines Suizidversuchs in der Psychiatrie befinden, macht Sibel keinen depressiven Eindruck. Im Gegenteil wirkt sie anfangs eher unbedarft und naiv, was vor allem an der Art und Weise deutlich wird, in der sie den ihr völlig unbekannten Cahit in der Klinik hinterherläuft und ihn bittet sie zu heiraten und schon ausprobiert, wie sich ihr Vorname mit Cahits Nachnamen anhört, obwohl er sie rigoros hat stehen lassen (Sequenz 2, Subsequenz 3). Stattdessen ignoriert sie in der Folge einfach Cahits schroffe, ablehnende Art, in dem sie ihn freundlich aber dennoch hartnäckig weiter bedrängt und auf seine grobe Ablehnung „Ich fick nur Männer“ mit Gelassenheit reagiert: „Um so besser!“. Diese Hartnäckigkeit Cahit zum Schein heiraten zu wollen, macht deutlich, dass sie im Grunde lebenshungrig ist und sich ohne diese Ehe wie in einem Gefängnis fühlt. Dieser Lebenshunger und die Verzweiflung darüber, von ihrer Familie eingesperrt und fremdbestimmt zu werden wird beim Klinikausbruch deutlich (Sequenz 3, Subsequenz 1), wo sie sich vor Cahits Augen die Pulsadern aufschneidet, um ihm ihre Verzweiflung zu verdeutlichen: „Ich will leben, Cahit. Ich will leben, ich will tanzen, ich will ficken! Und nicht nur mit einem Typen. Verstehst du?“. Sibels Familie wird interessanterweise jedoch nicht als extrem konservativ-religiös dargestellt. Akin verzichtet hier auf streng stereotype Darstellungen von kopftuchtragenden Frauen und herrischen Männern: Sibels Mutter trägt ihre Haare kurz und blondiert. Dennoch zeigt sich eine Hierarchie innerhalb der Familie, die beim Besuch im Krankenhaus (Sequenz 2, Subsequenz 4) deutlich wird: während Sibels Vater und vor allem ihr Bruder Sibel Vorwürfe wegen des Selbstmordversuchs machen, der Schande über die Familie bringe, redet ihre Mutter erst mit Sibel, als die Männer den Tisch verlassen, woraufhin sich beide Frauen erst einmal eine Zigarette anstecken. Sibels Nähe zur Mutter wird ebenfalls deutlich, als sie später zu Cahit sagt, dass sie ohne ihre Mutter schon längst abgehauen wäre. Sibels Vater dagegen redet kaum und wirkt starr. Er gibt Sibels Mutter die Schuld an Sibels Art. Er hält sich immer zurück und scheint sehr passiv, vor allem als Sibels Bruder sich aufmacht um ihr nach dem Todschlag an Nico aufzulauern, verbrennt ihr Vater nur die Fotos von Sibel, ansonsten bleibt er aber ruhig und starr. Daran, dass es nur wenige Szenen mit Sibels Familie gibt, und dass diese nicht extrem religiös dargestellt wird zeigt deutlich, dass hier der Familienkonflikt nicht im Vordergrund der Handlung steht. Der Konflikt zwischen Sibel und ihren Eltern (bzw. zwischen ihrem Vater und Bruder und ihr) ist zwar der Grund für die Heirat und die spätere Flucht nach Istanbul, aber schon die überwiegend aus Cahits Perspektive gezeigte Handlung und die Tatsache, dass die Handlung mit ihm beginnt und endet, macht deutlich, dass die Hauptthematik nicht der Familienkonflikt ist. Gerade dadurch, dass keine Leidensgeschichte aus Sibels Perspektive erzählt wird, macht aber auch die Geschichte selbstverständlicher, da der Konflikt nicht als Einzelfall herausgestellt wird, sondern von Akin so als Normalfall dargestellt wird, der die Handlungen der Charaktere (die Scheinehe und Flucht) erklärt, aber nur einen Teil des Grundgerüsts für die Handlung – das Aufeinandertreffen von Sibel und Cahit - darstellt. Die Handlung selbst wird von der Entwicklung der beiden Charaktere getragen: während die Szene im Standesamt noch sehr distanziert war und das Brautpaar nur im Bildhintergrund zeigte, während die nüchterne Büroatmosphäre durch Faxgerät und Computer im Bildvordergrund herausgestellt wurde (Sequenz 5, Subsequenz 4), entwickelt sich diese Beziehung indem Sibel erst Cahits Wohnung bewohnbar macht, seine Haare schneidet und für ihn kocht.

Cahits Entwicklung wird vor allem deutlich an seiner steigenden Eifersucht gegenüber Sibels Affären.
In der 8. Sequenz (Subsequenz 1) verbringt Cahit eine schlaflose Nacht in der gemeinsamen Wohnung.
Hier wird deutlich, dass der anfangs gleichgültig scheinende Cahit stark emotional reagiert:
er schmeißt Dinge durch die Wohnung, stößt das Hochzeitsfoto um und lädt sogar ein Gewehr, um kurze Zeit später die Wohnung wieder aufzuräumen. Neben der Eifersucht und seinen Gefühlen gegenüber Sibel kann man hier also ebenso auch den Einfluss von Sibel auf Cahits Leben erkennen. Dass Cahit ohne Sibel nicht mehr am Leben wäre, spricht er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schließlich auch aus (Sequenz 16, Subsequenz 2). Dank Sibel hat Cahit keine Todessehnsucht mehr, kann aber auch ohne sie weiterleben – dies zeigt sein hoffnungsvolles Lächeln in der letzten Sequenz, während der Bus ohne Sibel mit ihm abfährt. Sibels Liebe zu Cahit wird ihr erst klar, als Maren ihr von Cahits toter Frau erzählt und sie direkt fragt, ob sie Cahit liebe (Sequenz 11, Subsequenz 2). Bis dahin hat sie egoistisch ohne Rücksicht das Leben gelebt, dass sie sich gewünscht hat: sie hatte One-night-stands, ist auf Partys gegangen, hat Alkohol und Drogen konsumiert. Dabei hat sie nicht bemerkt, dass Cahit sich in sie verliebt hat. Als es zwischen den beiden dann doch ernster wird, kommt schließlich ein wenig von Sibels Erziehung durch: sie will nicht mit Cahit schlafen, da er ihr Mann ist (Sequenz 10, Subsequenz 3). Sie könnte also nur mit ihm schlafen, wenn sie ihn wirklich liebt und würde ihn dann auch nicht betrügen. Als sie sich schließlich sicher ist, ihn zu lieben, ist es bereits zu spät und die Wege der beiden trennen sich. An Sibels Flucht nach Istanbul kann man ihre Wandlung sehen: aus einer lebenshungrigen jungen Frau, die einfach frei sein wollte, wird eine gleichgültige Frau, die zwar auf ihre Liebe Cahit warten will, dabei aber die Lebenslust verliert. Dies wird in einem Brief deutlich, den Sibel an Cahit, ein paar Monate nach ihrer Ankunft schreibt (Sequenz 14, Subsequenz 5): „[…] Istanbul ist eine bunte Stadt, voller Leben! Die einzige die hier nicht lebt, bin ich. Alles, was ich tue, ist überleben […]“. Der Wille zu überleben scheint ihr später jedoch verloren gegangen zu sein, da sie – nachdem sie missbraucht wurde – nachts durch die Straßen geht und von drei Männern fast umgebracht wird, da sie sie immer wieder provoziert, obwohl die Männer schon aufgehört hatten sie zu schlagen. Eine weitere Entwicklung Sibels findet dann nach Cahits Entlassung statt: sie ist mittlerweile Mutter und hat einen Freund. Dennoch trifft sie sich mit Cahit und überlegt, mit ihm und ihrer Tochter Pamuk nach Mersin – Cahits Geburtsort – zu gehen. Es scheint jedoch die Vernunft über Sibel gewonnen zu haben, sie gibt die Sicherheit ihrer eigenen kleinen Familie nicht für Cahit und die ungewisse Zukunft auf und scheint aus ihren Fehlern gelernt zu haben. Diese Entwicklung der Charaktere war für Akin der Grund, aus dem er den Film chronologisch gedreht hat, denn „dadurch konnten sich beide, sowohl die Figuren als auch die Schauspieler, entwickeln“ (Akin in Malchow (Hg.) 2004: 236).

II. c) EXKURS: DEUTSCH-TÜRKISCHES KINO

„Nein, das ist kein postmigrantisches Kino, nicht eine Abhandlung über die Türkenliebe und nicht wieder ein Dutzendfilm über das Leiden liebeseifernder junger Männer und Frauen. Fatih Akin hat mit diesem grandiosen Liebesepos die deutsche Romantik wieder belebt, er hat sie entschlackt, ihr die hohl schwärmerischen Momente entnommen und die orientalische Herzhitze eingebrannt.“ (Zaimoglu in Malchow (Hg.) 2004: 213)

Dieser Auszug einer Filmkritik von „Gegen die Wand“ des Autors Feridun Zaimoglu erschien am 10. März 2004 im „Tagesspiegel“ und gibt exemplarisch das euphorische Medienecho wieder, welches der Film in der Folge des Berlinale Siegs hervorbrachte. Die Kritiker waren sich vor allem darüber einig, dass „Gegen die Wand“ einen „Fortgang einer Filmbewegung“ (Nicodemus in Malchow (Hg.) 2004: 222) markiert, welche „Ende der neunziger Jahre“ durch „eine neue Generation deutsch-türkischer Regisseure“ (Nicodemus in Jacobsen/Kaes/Prinzler (Hg.) 2004: 340) ausgelöst wurde, „die sich nicht mehr auf die Ausländerthematik und die Integrationsprobleme der Elterngeneration reduzieren lassen wollte.“ Katja Nicodemus spricht von einer „Isolation in der Fremde“ (2004: 340), die bis dahin die Hauptthematik von deutsch-türkischen Filmen bildete. Deniz Göktürk hat sich in seiner Arbeit „Migration und Kino – Subnationale Mitleidskultur oder transnationale Rollenspiele“ (in Chielino (Hg.) 2000: 329-347) mit der Geschichte des „’Migrantenkinos’“ beschäftigt, welches sich „seit den 60er Jahren im Gefolge der Masseneinwanderung von Arbeitsmigrant/innen in Deutschland etabliert hat […], allerdings völlig abseits fröhlicher Vermischung [der Kulturen – J.H.]“ (2000: 330) gedieh. Stattdessen wurden Migranten „als Opfer am Rande der Gesellschaft“ (2000: 330) dargestellt. Diese Trennung der Kulturen zieht sich für Göktürk durch die achtziger Jahre, in denen „die Filme häufig Geschichten von türkischen Frauen, von der Unterdrückung durch patriarchalische Väter, Brüder, Ehemänner, von dem Ausschluß aus der Öffentlichkeit und der Gefangenschaft in verschlossenen Räumen“ (2000: 333) erzählten, die interessanterweise „von feministischen Kritikerinnen für bare Münze genommen und zu Erfahrungen der türkischen Frau schlechthin verallgemeinert werden“ (2000: 335). Diese Realismuserwartung bzw. –forderung an fiktive Erzählungen im Film des „’Dritte-Welt-Kino[s]’“ (2000: 335) wird für Göktürk ebenso wie für Katja Nicodemus erst Mitte bis Ende der neunziger Jahre abgelöst (vgl. Göktürk in Chielino (Hg.) 2000: 339). Einer dieser deutsch-türkischen Filme ist Fatih Akins erster Kinofilm „Kurz und Schmerzlos“ von 1998, der ebenso wie „Gegen die Wand“ in Hamburg-Altona spielt. Die Tatsache, dass die drei Protagonisten türkische, griechische und serbische Migrationshintergründe haben, jedoch das Gangsterfilm-Genre im Mittelpunkt des Films steht, macht deutlich, dass die Herkunft der Charaktere nur nebensächlicher und selbstverständlicher Teil der Handlung ist. Diese Nebensächlichkeit zeigt, dass eine Vermischung der Kulturen stattgefunden hat, die auf der Leinwand eine „Normalität in Anspruch“ (Nicodemus in Malchow (Hg.) 2004: 224) nimmt und eine metakulturelle Perspektive hervorbringt (vgl. 2004: 223).

III. FAZIT

Fatih Akin bricht in „Gegen die Wand“ mit dem Klischee des typischen Türken, indem er mit Cahit Tomruk einen „Anti-Türken“ auf die Leinwand bringt, dessen Hamburgerisch perfekt, sein Türkisch dagegen kaum noch existent und der nicht weniger deutsch als jeder gebürtige Deutsche ist. Dies wird mit der Besetzung durch Birol Ünel noch verdeutlicht, der seit fast vierzig Jahren in Deutschland lebt und auf der Theaterbühne mit „Siegfried“ wohl den deutschen Helden schlechthin verkörpern durfte (vgl. Thiel in Malchow (Hg.) 2004: 12). Gerade dadurch wird die Ironie deutlich, die Akin hervorruft, als nach dem Totschlag an Nico die „Morgenpost“-Schlagzeile lautet: „Eifersuchtsdrama auf St. Pauli – 42-Jähriger erschlägt Nebenbuhler (38) in der ‚Zoe-Bar’“ und Sibels Bruder aufgrund dieser Tat, Cahit als Schwager anerkennt und einen Ehrenmord an seiner Schwester begehen will, bei dessen Gelingen man sich die Schlagzeile in der Boulevard-Presse als Zuschauer schon vorstellen kann, da dort schnell das aussagekräftige Wort „Ehrenmord“ aufgegriffen wird. Fatih Akin macht so auf die stereotype Darstellung von Türken aufmerksam und kritisiert nicht nur die mediale Berichterstattung, sondern auch die Gesellschaft, die das Gelesene oder Gesehene nicht auf ihre Hintergründe hinterfragt.

JH, April-2007

greekgeek.de © 2005 • Privacy Policy • Terms Of Use